Systemwandel - Eine persönliche Betrachtung

In seinem Artikel auf der Plattform tbd* beschreibt unser Teammitglied Matthias Scheffelmeier, wie wir es schaffen können, Systeme gemeinsam zu verändern. Lesen Sie hier einen Ausschnitt:

Letzens musste ich wie so oft in letzter Minute einen Zug erwischen. Ich bügelte also in großer Eile ein Hemd, packte meine Tasche, suchte verzweifelt meine Schlüssel, tröstete meinen kleinen Sohn, der das Schauspiel ganze traurig mit “Papa, Arbeit?” kommentierte, rannte zur Straßenbahn auf der Torstraße in Berlin, kaufte mir auf dem Smartphone noch kurz ein Ticket, hetzte in den Hauptbahnhof, stolperte über einen Berg von Koffern, riss ein Loch in mein Jackett und plötzlich ............................... tja. Am Ende dann mehr dazu.

Ideen, die zum Paradigmenwechsel führen

Aber erstmal ein paar Jahrzehnte zurück: Wenn Sie vor 1960 ein Auto gefahren hätten, wäre Ihr einziger Schutz vor Unfall-Folgen ein sogenannter Beckengurt. So wie der, den man aus Flugzeugen kennt. Gesetzlich verpflichtend war er nicht und wirklich Lust ihn anzulegen, hatte auch keiner. Und selbst die Leute, die es freiwillig taten, rutschten bei Aufprallen reihenweise durch oder schlugen sich die Köpfe an. Technisch, kulturell und gesetzlich – ein rundum schlechtes System. Irgendwann entwickelte ein smarter Ingenieur bei Volvo dann den uns heute bekannten Dreipunkte-Gurt. Die Gefahr tödlicher Verletzungen reduzierte sich daraufhin um 50%, die von Kopfverletzungen sogar um 75%. Die Erfindung wurde für das menschliche Wohl als so essential gesehen, dass er bald darauf fast weltweit Pflicht in Neuwagen wurde. In Deutschland 1974. Heute ist er nicht mehr wegzudenken. Der Gurt ist Standard geworden. Und eine Welt ohne Gurt können sich viele kaum mehr vorstellen. Fast 100% aller Deutscher verwenden ihn. Und er rettet jährlich Millionen Menschenleben.

Ideen dieser Art, selbst wenn diese auch nicht aus dem Bereich des Sozialunternehmertums kommt, faszinieren mich: Ideen, denen ein Umdenken, ein Perspektivwechsel, zu Grunde liegt. Und Ideen, die dank smarter Verbreitung über die Zeit zu einem Paradigmenwechsel und langfristiger systemischer Veränderung führen. Die Einführung frühkindlicher Bildung und Eröffnung der ersten Kindergärten vor 100 Jahren durch Maria Montessori oder die Begründung der Profession der Krankenpflege durch Florence Nightingale sind historische Beispiele für solche Paradigmenwechsel – oder können Sie sich ein Krankenhaus vorstellen, in dem es nur Ärzte aber keine Pfleger gibt? Vor Eröffnung der ersten ‚nursing school’ durch Nightingale 1860 in London war das so. Und fast so viele Patienten verstarben an fehlender Pflege nach Operationen als durch diese. Oder denken Sie an Jimmy Wales, der mit Wikipedia unsere Idee von Wissenserstellung und Verbreitung komplett auf den Kopf stellte. MPesa, mit dem Millionen Menschen in Ostafrika, die bisher kein Bankkonto hatten, Geldgeschäfte über das Mobiltelefon erledigen können. Oder die Stromrebellin Ursula Sladeck, die 1994 das Stromnetz ihrer Heimatstadt übernahm und in die Hände der Bürger übergab … es gibt vieler solcher Beispiele für systemische Veränderung. 

Systemische Veränderung beginnt bei den vermeintlich kleinen Schräubchen

“System change” – ein fast furchteinflößender Monster-Begriff, der oft ideologisch geprägte Assoziationen großer politischer Umwälzungen weckt. Oder bei dem man immer sofort an das Bildungs- oder Wirtschaftssystem als Ganzes denkt. Mir geht es ehrlich gesagt aber gar nicht zwingend immer nur um die ganz großen Räder.

Simon Berry zum Beispiel, der Gründer von ColaLife, transportiert in den leeren Zwischenräumen von CocaCola Kisten Medizin in entlegene Orte. Denn wir er sagt „Coca-Cola seems to get everywhere, yet life-saving medicines don’t“. Das Fairphone von Bas van Abel verwendet möglichst fair produzierte und nachhaltige Materialien und verändert dadurch die gesamte Produktionskette. Gregor Hackmack macht via abgeordnetenwatch Politik transparent und unsere Demokratie damit stärker. Silke Mader entwickelt mit der European Foundation for the Care of Newborn Infants neue Standards für Versorgung und Nachsorge von Frühgeborenen. Thorkil Sonne überzeugt Technologie-Unternehmen davon, Autisten als Experten für Aufgaben einzustellen, die hohe Konzentration erfordern. Die Liste könnte fast endlos fortgesetzt werden. 

Systemische Veränderung beginnt bei den vermeintlich kleinen Schräubchen. Dann, wenn bestehendes Potential plötzlich voll ausgeschöpft wird, sich Wertschöpfungsketten verbessern, neue Standards entstehen, vermeintliche Schwächen zu Stärken werden, sich Einstellungen verändern und so weiter.

Ich habe allerdings ein wenig das Gefühl, dass uns allen der Fokus, das nötige mindset, das Wissen und die Instrumente fehlen, die uns allen erlauben würden, gemeinsam systemische Veränderung zu realisieren. Wie funktioniert nachhaltiger Wandel eigentlich genau? Was sind erfolgreiche Wege systemische Veränderung zu erreichen? Sind wir in der Lage, unser Ego hintenanzustellen, um in smarten Allianzen gemeinsame Ziele zu erreichen? Denn klar ist, systemische Veränderung ist Teamsport. Einzelkämpfer gehen schnell unter in der Komplexität der Systeme hinter unseren sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Problemen. Und da bringt es oft schlicht auch nichts, das Wachstum der eigenen Organisation zu forcieren, wenn es eigentlich die Ideen und Konzepte sind, die sich verbreiten sollten. 

Sind wir manchmal gar angetrieben von ganz anderen Motiven statt von Wirkung und Wandel? Von Status? KPIs und Kennzahlen? Reputation? Oder der Notwendigkeit, ständig neue Projekte ins Leben zu rufen, um die Finanzierung unserer Organisationen zu sichern? Für “Ich möchte das System verändern” gibt es meines Wissens nach jedenfalls noch nicht viele Finanzierungsquellen. Haben wir den Mut, Dinge anders als bisher zu machen? Geht es uns auch mental gut genug, um die Kraft für system change aufzubringen oder stecken wir zu sehr im Hamsterrad von Erwartungen, Ambitionen und Abhängigkeiten?

Rund um diese Fragen macht sich Ashoka derzeit auf eine Entdeckungsreise, die uns sehr wahrscheinlich die nächsten Jahre beschäftigen wird … und ich will sie einladen mitzukommen.

Wandel erreichen wir nur gemeinsam

Eine letzte Sache noch:

… Der Geschichte vom Anfang, sie erinnern sich vielleicht:

Ich sprang also aus der Tram, rannte wie ein Verrückter vom Europaplatz aus in den Bahnhof, stolperte über den Kofferberg und plötzlich ... erkannte ich: Ich bin ganz schön bekloppt. Ich bin eigentlich ein wenig überarbeitet, jette wie ein Verrückter durch die Gegend, Deadlines im Rücken, Fundraising-Ziele im Kopf, Projekte ohne Ende und bin vielleicht ein wenig zu sehr getrieben davon was ich denke, dass andere von mir oder Ashoka erwarten. Dass dieses oder jenes Projekt nicht perfekt funktioniert. Dass wir vielleicht nicht ‘cutting edge’ genug sind. Dass hier und da etwas schiefgeht und so weiter und so weiter … puuuh! Kurz gesagt: Ich erkannte, dass ich mir mehr Sorgen um Oberflächlichkeit mache, als darum, was wir gemeinsam alles erreichen könnten. Und ich unbewusst davon ausgehe, vieles selbst machen zu müssen, wobei doch so viele unserer Ziele genau dieselben sind. 

Ich glaube wir müssen damit Schluss machen – und zu einer neuen Ehrlichkeit und Ruhe finden. Keiner von uns kann alles, keiner von uns kann alles alleine – lasst uns die gemeinsamen Ziele nicht aus den Augen verlieren.

 

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